MIT FRAUENPOWER SELBSTSTÄNDIG

Sonntag, 22. September 2019

Mut für den Traum

 

Mit unserem ESF-Projekt "Mit Frauenpower selbstständig" motivieren wir Frauen, ihr Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen, sich eigener Stärke bewusst zu sein und neue Perspektiven starten!

 

Warum nicht darüber nachdenken, Chancen zu ergreifen, neue Wege aus der Arbeitslosigkeit zu suchen oder auch Jobunzufriedenheit ernst zu nehmen.

 

Warum nicht darüber nachdenken, die eigene Chefin zu werden? In unserem Frauenpower-Netzwerk treffen sich monatlich Unternehmerinnen mit Frauen, die diesen Weg vorhaben bzw. auf diesem Weg sind. (Das Projekt mit Frauenpower selbstständig" wird mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Sachsen-Anhaltgefördert.) Im Rahmen einer Interviewreihe stellen wir Ihnen einige dieser Powerfrauen vor.

 

Andrea Lilie - Unternehmerin und Powerfrau hat ihn bewiesen und verwöhnt in ihrer Schkopauer Physiotherapiepraxis ihre Kundschaft. Wir haben sie befragt, wie es zu ihrem Schritt in die Selbständigkeit kam.

 

Wann haben Sie den Gedanken an Selbständigkeit das erste Mal gefasst? Oder: Wie kam es zu Ihrer Selbständigkeit?


Das erste Mal kam mir der Gedanke an eine Selbständigkeit im Sommer 2011. Jedoch waren dies eher sogenannte "Hirngespinste", und so verlegte ich diesen Gedanken vorerst. Den richtigen Entschluss fasste ich kurz darauf, im Herbst 2011. Meine damalige Situation als Angestellte in der Physiotherapiebranche stimmte mich sehr unzufrieden. Somit kann ich also sagen, dass mich die Unzufriedenheit dazu antrieb, den großen Schritt zu wagen.

 

Wie alt waren Sie zu diesem Zeitpunkt, und in welcher beruflichen bzw. Lebenssituation waren Sie?

Zum Zeitpunkt des Eintritts in die Selbständigkeit war ich 25 Jahre alt. Meine Lebenssituation war an und für sich ganz gut, abgesehen von der immer größer werdenden Unzufriedenheit. Der Beruf der Physiotherapeutin hat mir viel Freude bereitet, und ich bin nach wie vor gern eine Physiotherapeutin. Mir fehlte nur die Individualität und Zeit für die Patienten/ Kunden, für mich ähnelte der Berufsalltag manchmal einer Massenabfertigung. Natürlich hat man in der Physiotherapie auch Vorgaben, die es einzuhalten, gibt und so gab es wenig Spielraum den zeitlich begrenzten Ablauf einer Behandlung abzuändern.

 

Hatten Sie damals eine konkrete Idee? Hat sich Ihre Idee (der Inhalt Ihres Unternehmens) im Laufe Ihrer selbständigen Tätigkeit verändert/ erweitert? Können Sie diese Entwicklung schildern?


Die grobe Erstidee war es, mehr Zeit für die Kundschaft zu haben und individueller zu agieren. In der Zeit als Physiotherapeutin hatte ich zum Glück die Möglichkeiten eröffnet bekommen, allerhand Weiter- und Fortbildungen absolvieren zu können, u.a. die Ausbildung zur Yogalehrerin und diverse Wellness-Anwendungen. Mein Wunsch war es, meinen eigenen Berufsalltag ruhiger zu gestalten und die Devise "Weniger ist mehr" anzuwenden. Ich wollte gern das machen, was mir, meiner Meinung nach, Freude bereitet und mich ausfüllt.Mein Anfangskonzept war ein mobiles Unternehmen für Wellness-Massagen und Yoga, d.h., ich wollte an unterschiedlichsten Institutionen Massagen und Yogakurse (z. Bsp. an der Kreisvolkshochschule Saalekreis) anbieten. Dieses Konzept verfolgte ich auch bis Oktober 2012. Dann bekam ich die Option, ein kleines Studio in Merseburg, Unteraltenburg 26, zu eröffnen. Also richtete ich mir einen Raum für die Wellness-Anwendungen ein, und zusätzlich kam die Nutzung eines 100 Quadratmeter großen Raumes hinzu, in dem ich die Yogakurse praktizieren kann.Natürlich kommen diese Räumlichkeiten auch den Kundinnen/ Kunden zu Gute, sie haben nun einen Anlaufpunkt. Von anfänglich nur einem Yogakurs an der KVHS Saalekreis steigerte sich die Nachfrage auf noch einen Kurs mehr an der KVHS und mittlerweile 4 eigene Yogakurse in meinen Räumlichkeiten. Desweiteren gebe ich an einer Grundschule in Merseburg einen Kinderyogakurs und für die KVHS einen Fitnessgymnastikkurs. Die Tätigkeiten in den unterschiedelichsten Bereichen teilen sich gut auf. So bin ich ca. 1/3 der Woche mobil unterwegs, ca. 1/3 im Studio und ca. 1/3 gebe ich diverse Kurse.

 

Vor welchen Herausforderungen standen Sie, und wie konnten Sie sie meistern?

Herausforderungen waren u.a. die Behördengänge und die Konkretisierung der Geschäftsidee sowie die steuertechnischen Vorgänge. Wenn man vorher nicht wirklich etwas damit zu tun hatte, ist es schon schwer sich einen Weg durch den vermeintlichen Dschungel zu suchen. Doch mit qualifizierter Hilfe, wie z. Bsp. von den ego.-Piloten, und Unterstützung durch die Familie und den Freundeskreis kann man all das schaffen. Man lernt nie aus, und man muss nur fragen, wenn man etwas einmal nicht weiß.

 

Welche Ängste hatten/ haben Sie? Wie gehen Sie damit um?

Die größte Angst ist natürlich die: "Schaffe ich das wirklich?Was, wenn es nicht funktioniert?"Ich glaube, diese Ängste sind auch berechtigt, und es wäre schlimm, wenn es sie nicht gäbe. Durch die wird man zum Innehalten animiert und zum genauen Spüren, ob man das Richtige tut. Nur darf man sie nicht in den Vordergrund stellen. Die Selbständigkeit ist ein großer Schritt, und ob es gut geht oder vielleicht leider auch nicht, weiß man vorher nicht. An Tagen, an denen ich manchmal etwas zu viel Angst habe, helfen mir Gespräche mit der Familie und Freunden. Ich besuche auch regelmäßig ein Betriebscoaching, um mit gewissen Situationen besser umgehen zu können.

 

Wie und wann bekamen Sie die ersten Aufträge? Wer sind Ihre Kunden?

Mit einem Yogakurs an der KVHS Saalekreis begann ich schon während meinesAngestelltenverhältnisses (Januar 2012), so dass ich einen Minigrundstein schon gelegt hatte. Im Mai 2012, dem Beginn meiner Selbständigkeit, betrieb ich intensive Kundenaquise, u.a. mit Inseraten in lokalen Zeitungen, Verteilung von Flyern und Anschreiben unterschiedlichster Firmen. Ich hatte bisher immer sehr großes Glück. Irgendwie ergaben sich einige Auftrage durch Mundpropaganda, d.h. jemand erzählte wiederum jemand anderes von meiner Tätigkeit und so wurden die Kreise immer größer. Diese Form der Werbung ist die beste. Mittlerweile betreue ich drei Firmen (in Halle, Holleben, Frankleben), darf einige Kunden schon fast "Stammkunden" nennen und habe 6 gut laufende Yogakurse.

 

Wie lange dauerte es, bis Sie den erhofften Minimalumsatz erreichten?

Die ersten 6 Monate waren sehr durchwachsen, doch ab Dezember 2012 ging es bergauf. Es gibt natürlich Zeiten, in denen es besser läuft und Zeiten, in denen es weniger gut läuft. So habe ich dieses Jahr die Erfahrung machen dürfen und mir somit neues Wissen aneignen können, dass es auch saisonale Schwankungen gibt, die branchenunterschiedlich sind. Auf solche Tiefs muss man sich einstellen, wenn man sie erkannt hat.

 

Was halten Sie von dem Satz: "Selbständig heißt selbst und ständig"? Oder: Wie viele Stunden arbeiten Sie am Tag? Wie gut können Sie Ihre berufliche Tätigkeit mit Ihrem Privatleben (Familie, Freunde, Freizeit) vereinbaren?

Anfänglich habe ich nach dem o.g. Satz gearbeitet, um einen Kundenstamm aufzubauen und etwas zu erreichen.Wenn man etwas erreichen möchte um die Selbständigkeit zu festigen, muss man nahezu selbst und ständig etwas dafür tun. Ich vergleiche die Selbständigkeit gern mit einem heranwachsenden Baby: Wenn man dem Baby keine Aufmerksamkeit gibt, keine Zeit investiert und es einfach irgendwie laufen lässt, wird aus dem Baby nichts. Auch wenn es manchmal hart ist, lohnt sich der ganze Aufwand und manchmal damit verbundener Stress. Umso schöner ist es, wenn man Lob von der Kundschaft bekommt und die Nachfrage nicht abbricht. Mittlerweile gönne ich mir auch etwas Freiheiten, d.h. es gibt auch Sonn- und Feiertage, an denen ich einmal ein Privatmensch bin. Auch Urlaub ist wichtig, um sich regenieren zu können und neue Kraft und Ideen zu schöpfen.Menschen, die sich mit der Selbständigkeit beschäftigen, sollten sich mit dem Gedanken anfreunden, dass nachmittags 16:00 Uhr nicht der Hammer fällt. Es gibt Tage, an denen bin ich schon morgens 8:00 Uhr außer Haus und komme erst abends 21:00 Uhr wieder heim und werde freudig von dem Büro erwartet. Durchschnittlich würde ich sagen, habe ich einen 10 bis 12-Stunden-Tag. Das Privatleben hat anfangs etwas gelitten. Einige Freunde haben sich abgewandt, weil man weniger Zeit hat, andere wiederum stehen voll und ganz hinter einem und geben Kraft und Halt. Ohne meine Eltern wären viele Dinge nicht möglich gewesen, wie das lange Arbeiten. Sie haben mir sehr viel abgenommen. Ein starker Partner an der Seite ist ein Segen! Das ist nicht selbstverständlich und das sollte man sich auch bewusst machen. Wenn es zeitlich geht, versuche ich diese in meine Familie und in die Freunde, die weiter zu einem stehen, zu investieren.

 

Haben Sie Mitarbeiter und wenn ja, wie finden/ fanden Sie Ihr Personal? Was ist Ihnen bei der Auswahl Ihrer Mitarbeiter wichtig?

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt beschäftigte ich keine Mitarbeiter.

 

Können Sie uns drei Ihrer persönlichen Charaktereigenschaften nennen, die Sie als Selbständige erfolgreich  machen?

  • empathisch
  • willensstark
  • individuell

 

Hatten/ haben Sie Ratgeber? Welche waren/ sind Ihnen wichtig?

Am besten konnten mir die Menschen gute Ratschläge geben, die selbst in der Materie Selbständigkeit stecken. Ein Kundenpärchen, beide im Controlling tätig und sehr lehrreich wissend über Rechte und Finanzen sind neben dem Steuerbüro meine Ansprechpartner in Sachen Abrechnung und anderer Bürotätigkeiten.Wenn es um Werbung und neue Anwendungen geht, befrage ich meine Familie und meinen Freundeskreis, weil sie den anzusprechenden Kunden entsprechen.Um sich erst einmal mit dem Thema Selbständigkeit auseinanderzusetzen, kann ich aus eigener Erfahrung die ego.-Piloten empfehlen.

 

Haben Sie (ein) Netzwerk(e)?

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht.

 

Was hat Ihnen persönlich der Schritt in die Selbständigkeit gebracht?

Die Unzufriedenheit hat sich in Zufriedenheit verwandelt. Ich mache nun das, was mir Freude bereitet, was mich erfüllt, was mir liegt.Ich selbst bin an dieser großen Herausforderung gewachsen, die Persönlichkeit verändert sich. Ich kann heute einige Handlungen meiner vorherigen Chefinnen besser verstehen, weil ich nun weiß, was es heißt, ein Unternehmen zu haben und welches Herzblut darin steckt. Ich fühle mich angekommen.

 

Wodurch unterscheidet sich Ihre Arbeit als "eigene Chefin" von Ihrer früheren Arbeit im Angestelltenverhältnis?

Ich kann jetzt meine eigenen Vorstellungen verwirklichen und das tun, was mir Freude bereitet.Ich kann selbstbestimmt arbeiten und bin flexibler in meinem Handeln.

 

Welche(n) Tipp(s) möchten Sie Frauen geben, die über eine Selbständigkeit nachdenken?

Auch wenn es einige "Wenns" und "Abers" gibt, lohnt sich der Weg und Entschluss. Die Selbständigkeit öffnet neue Türen und lässt einen selbst wachsen, manchmal sogar über sich hinaus.Die Absprache mit der Familie/ dem Partner ist wichtig, auch die Involvierung. Zusammen schafft man alles.

 

Wir danken Ihnen für das Interview!

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